16. 6. 2016

Ich darf..oder muss ich - wollen - dürfen?

Darf ich bitte mal durch? Darf ich bitte mal durch? Mühsam schiebe ich mich durch die Menschenmenge und komme einfach nicht vorwärts. Dabei muss ich dringend auf die Toilette.

 

So richtig dringend. Leider bin ich gerade nicht schwanger. Das war toll, da bin ich ohne zu fragen, als erstes auf die begehrte Box gekommen. Es wurde mir förmlich aufgedrängt. Und nun schiebe ich mich hier durch, werde angemotzt und mit Absicht weggedrückt. Irgendwas läuft hier schief. Ich will aufs Klo. Jetzt. Und ich muss. Also jetzt muss ich wirklich, auch wenn wir Therapeuten gern sagen, dass man nichts muss außer sterben und selbst das ist in manchen Religionen eine Frage der Perspektive. Was ist schon sterben. Ich muss nicht nur, ich kann auch. Sterben. Jetzt lebe ich. Das fühle ich sehr deutlich in dem immer stärker werdenden Druck auf meine Blasenschließmuskeln.

 

„Eigentlich ist das doch bekloppt, um Erlaubnis zu fragen, ob ich hier durch darf. Eigentlich bin ich doch ein dringender Notfall. Und wenn ich keiner wäre – darf ich drängeln, vielleicht einfach auch, weil es mal Spaß macht?“ Meine Gedanken spulen ab während ich weiter frage „darf ich bitte mal durch?“ und ich frage mich, was ich jetzt tun sollte, damit ich zum Ziel komme. Ich muss ja.

Also sage ich mir all die Sätze, die kognitiv orientierte Therapeuten erzählen innerlich vor. Statt wie früher „ich kann nicht“, „ich darf nicht“ und „ich muss immer alles…“ und „ich soll“ übe ich das Mantra „Ich darf. Ich kann. Ich will.“ Ich darf hier durch. Ich kann auch. Aber das interessiert keinen. Wahrscheinlich hören die Menschen nicht, was ich denke. Und wundern sich nur, wieso sich da jemand so rücksichtslos und hektisch durchdrängelt. Das Problem ist, dass mein Körper sich nach Erleichterung sehnt und ihm meine Befürchtungen, dass ich hier vor allen Menschen in die Hosen schiffe so langsam egal werden. Alarm. Ich atme hektisch. Ich schwitze. Es braucht eine Lösung. Eine, mit der ich leben kann. Wahrscheinlich würde es kein Schwein merken, wenn ich eine nasse Hose kriege, aber ich würde es merken. Und dann würde ich mich schämen. Wofür eigentlich? Wenn ich schwanger wäre und das würde passieren, dann hätte ich einen Grund und alle würden mir noch helfen. Da kann das ja mal passieren. Hab ich selbst erlebt. Erwachsene Menschen haben aber sonst ihre Blasenfunktion allzeit unter Kontrolle. Aha. Außer wenn sie sterben, dann lassen sie alles los. Mein Körper schreit mich an „halt die Fresse und machs Maul auf“. Recht hat er. Aber darf ich denn so laut sein? Ja - ich darf, weil ich kann und ich will. Also hol ich tief Luft und rufe sehr laut und sehr bestimmt „ich muss dringend aufs Klo, bitte lassen Sie mich sofort durch.“ Na geht doch. Wie von Zauberhand öffnet sich der Weg vor mir und eine liebe Hand macht mir sogar die Toilettentür auf. Und dann kann ich ganz leicht, weil ich muss und weil ich will. Und ich darf auch. Wollen. Und lache in mich hinein. Es ist so einfach.