01. 9. 2016

Stille und Dankbarkeit

Also ich weiß nicht, wie dein Sommer war – meiner war unglaublich lebendig und dabei ist das eine oder andere zu Bruch gegangen in meinen Lebens- und Glaubenskonzepten. Der Aufbruch ist ein Umbruch. So mancher Blick auf mich und die Welt wurde durch eine völlig neue Perspektive verändert. Kennst du das – du weißt auf einmal nicht mehr wo dir der Kopf steht? Wo unten und oben ist? Spürst deine Füße nicht mehr und fühlst dich fremd im eigenen Körperhaus? Plötzlich passiert etwas in deinem Leben, das dich dazu zwingt, innezuhalten und neu in dich hinein zu schauen und zu fühlen. Mit einem gebrochenen Fuß kannst du plötzlich nicht mehr gehen, ein Fieber schmeißt dich aufs Bett und lähmt dich, Alpträume rauben dir den Verstand oder ein Vertrag, der sicher war, wird gebrochen. Und dann ist alles ganz schnell anders.

 

 Vieles ist durch unseren Umzug nach Leipzig durcheinandergewirbelt worden. Und mitten im Sommer ist meine seelische Haut „geplatzt“, ich bin aus meiner inneren Mitte gefallen und war für ein paar Tage richtig lahm gelegt. Mitten im Urlaub bin ich krank geworden. Mein Körper hat ein fettes Stoppsignal gesetzt. AusZEIT.

 

Jetzt bin ich wieder sicher gelandet im Körperhaus und setze vorsichtig meine Schritte. Geht es schon oder bin ich noch zu zart? Tragen mich meine Füße wieder? Achte ich gut auf mich und meine Bedürfnisse? Bin ich in Balance? Vertrauen. Es trägt.

 

Das sind die Momente, wo das alte Gewand unseres Lebens nicht mehr passt und die neuen Kleider sind noch in der Entwurfsphase. An manchen Tagen sehe ich vor lauter Dingen, die zu ordnen und zu klären sind und die einen neuen Platz brauchen nicht mehr durch. Und nehme irgendwas aus dem Kleiderschrank, um irgendwie angezogen zu sein, egal ob es gerade passt. Und siehe da - es passt. In manchen Momenten in den letzten Tagen war in mir die Stimme, die sagte, dass das alles nicht zu schaffen ist und noch so viel zu tun ist, bis es „richtig“ in Ordnung ist. Da ist sie wieder – die Antreiberitis. Die Stimme, die immer der Meinung ist, dass irgendwas noch nicht passt, dass es noch nicht gut genug ist, dass es anders werden muss, damit es gut ist und ich Frieden finden kann. Ruhe und Ordnung. Und dann lache ich, weil ich die Antreiberitis echt gern mag, sie bringt mich weiter, schneller und höher. Sie ist eine wunderbare Kraft, mit der ich meine Ziele erreiche. Und regelmäßig muss und darf sie auf die Bank oder in die Hängematte, damit wir Pause machen können, um neue Kraft zu tanken. FAULTIERZEIT im Genuss. Damit die Haut nicht platzt oder der Fuß bricht. Das hatte ich vergessen. Die wichtigen Pausen. Nein, mein Fuß ist nicht gebrochen – das ist nur mein Bild für den Umbruch.

 

Jetzt bin ich still. Und dankbar, hier zu sein. Einfach so. Es ist alles gut. Ich genieße heute meinen Rückzug in die Stille, der genau jetzt ist und meine Auszeit von der Antreiberitis. In den Pausen zwischen meinem Ein- und Ausatmen, in den Pausen zwischen den Worten und den Buchstaben, die ich schreibe. Die Ernte des Jahres neigt sich dem Ende zu und will eingebracht und bewahrt werden. Es ist ein reiches Jahr. Die Natur bereitet sich auf den Schlaf des Winters vor. Erste Vorboten sind schon zu sehen. Die Natur ist ein so sanfter und achtsamer Lehrer. Ich lerne meinen Rhythmus von ihr. Noch tanzt die Hitze ihren letzten Sonnentanz und streichelt meine Haut. Und doch flüstert mir der Abendwind von den kürzer werdenden Tagen und der Einkehr.

 

Ich wünsche dir einen wunderbaren Spätsommer in all seinen schönen Farben und die Fähigkeit, die Schönheit des Moments zu genießen. Der Weg    nach innen beginnt jetzt.