Der Weg des Apfels

Der Weg des Apfels

03
Sep
2022

Der Sommer war reich. Und schenkte mir viele Geschichten. Ich freue mich auf den Herbst und den Winter, in denen ich sie schreiben werde.

Zum Ausklang des Sommers diese hier für dich:

Tosend und rauschend spült mir das alte Meer einen Apfel vor die Füße. Zwischen meinen Zehen und seiner nackten Haut verschwindet der Sand des Ufers im Bodenlosen. Ein besonderes elektromagnetisches Feld umgibt ihn, so dass ich wortlos innehalte, um mein Schweigen mit ihm zu teilen. Du glaubst mir immer noch nicht, dass jeder diese Felder sehen konnte. Früher, als unsere Gehirne noch nicht vergiftet waren von all dem Müll und unsere Herzen wie lebendige Generatoren von Energie für uns alle summten. Die Gischtkämme der Wellen spritzen mir ihre salzigen Geschenke bis hinauf an die Hüften und das Blau meiner Jeans färbt sich noch dunkler.

Ein Apfel. Ein scheinbar einfacher Apfel. Orange wie die Glut des Sonnuntergangs, den ich erst gestern ganz allein bestaunen durfte und gelb wie die Sonne in meinem Herzen, die aufgeht, wenn ich dein Lächeln sehe. Da liegt er nun vor mir und ich frage ihn, wie seine Reise war. Sanft wiegt er sich hin und her und lässt sich von den Schaumblasen des Meeres verwöhnen. „Es sägt an mir… das Salz der Erde und des Meeres, seit ich seine warme trockene Hand verließ. Zelle um Zelle bricht es auf in mir, das Salz des Ozeans so wie das Salz deiner ungeweinten Tränen.“ „Wer war dieser jemand mit den trockenen Händen?“

Eine Weile ist es noch stiller als es sowieso schon ist und ich glaube zu sehen, wie die aufgeplatzte Stelle im Apfel noch satter und voller in meine Mitte greift. Ich schüttele mich kurz. Ein Apfel kann doch nicht nach mir greifen. Vielleicht sollte ich heute früher schlafen gehen. Schlafmangel. Eindeutig Schlafmangel. Und doch will ich mich nicht von ihm abwenden, so rein und voll er da vor mir liegt.

„Es war die Hand des Mannes, der jeden Morgen am Strand entlang geht. Nachdem er seinen Kaffee getrunken hat, nachdem er seine Übungen gemacht hat und nachdem er sich von seinem Morgensitz in eine aufrechte Haltung hineingeatmet hat. Jener, der in Gedanken an die Geschichten ist, die er heute noch schreiben wird und der in seinem Herzen nach Zimt, Kardamom und Lavendel riecht. Er hat mich mit genommen auf seinen Morgenspaziergang. Mit einem Lächeln in seiner Jackentasche verstaut, um dann die Dünen hinunter zu gehen. Wiegend, leicht schleppenden Schrittes und doch kraftvoll. Als er unten am Strand angelangt war, holte er mich heraus. Drehte mich in seinen Händen. Und ich konnte fühlen, wie er mit jeder Faser seines Seins, seine Liebe zu mir, den Schöpfungen der Erde und ihrer Schönheit in mich hineinatmete. Schon in diesem Moment platzte ich vor Glück. Und mein Saft rann über seinen Daumen. Seine warmen zärtlichen Lippen gerieten in die Nähe meiner Schale, als er ihn ableckte. „Nicht zum Essen bist du hier Schönheit. Du bist hier als Geschenk an das Meer, aus dem ich geboren bin.“

Mit einem tiefen Atemzug holte er weit aus und schleuderte mich hinaus in die Brandung. Die Vollendung seiner Bewegung ein einziges Gebet.“

Mittlerweile sitze ich mit meiner Jeans in der Brandung und mein Arsch ist nass. So nass wie meine Wangen, während meine Tränen herablaufen und sich mit dem Salz des Meeres verbinden. „Du holst dir noch den Tod...“, höre ich es in mir murmeln. Die Stimme gleitet von mir ab wie ein alter Mantel und ich lasse mich vom Meer und dem Gebet des Mannes durchfluten. Tränen, die ich Tage in mir gehütet habe, fließen. Und in meinem Herzen bricht ein Damm. Wie die Schale des Apfels platzen alle schalen und faulen Träume, die ich hineingelassen hatte. Der Apfel wiegt sich immer noch vor mir am Strand. Sein orange und sein gelb tropfen jetzt Atemzug um Atemzug in mein Herz und füllen es mit dem Mut meiner wahren Träume und beleben all die verborgenen Schätze, die das Meer meiner Tränen nun an die Oberfläche hebt.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort gesessen habe. Irgendwann öffnete ich die Augen. Klatschnass und von einer Wärme durchströmt, wie ich sie noch nie erfahren hatte. Der Apfel war fort. Ebenso wie die Sonne. Schweigend wie ich gekommen war, fand ich meinen Weg zurück nach Hause. Du öffnest mir die Tür und strahlst mich an. „Ich habe uns heißen Apfelpunsch gemacht. Willst du ihn bevor ich dir deine nassen Klamotten ausziehe… oder danach..?“

Wann bist DU das letzte Mal geplatzt vor Glück?

Fotocredit goes to Dr. Markus Dobler

Zurück zur Übersicht
No items found.
No items found.
No items found.